Bayern Sozialministerin Ulrike Scharf zu Gast beim Festakt. Die Gastgeber des Abends: Klaus Umbach, Präsident DJH Bayern (3.v.r.), Daniel Sautter, Vorstand im DJH Bayern (2.v.r.), Michael Gößl, Vorstand im DJH Bayern (l.) und Mathias Schlosser, Leiter der Jugendherberge Nürnberg (r.). Zu den ersten Gratulanten gehörte auch der sozialpolitische Sprecher der CSU-Landtagsfraktion Thomas Huber (2.v.l.) - Warum Orte der Begegnung heute wichtiger sind denn je
Bayern, Deutschland

Warum Orte der Begegnung heute wichtiger sind denn je

Am Freitagabend hat das Jugendherbergswerk Bayern (DJH Bayern) in der Jugendherberge Nürnberg sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Rund 150 geladene Gäste aus den Bereichen Politik, Bildung, Jugendhilfe, Tourismus und Zivilgesellschaft waren der Einladung zur zentralen Festveranstaltung gefolgt. Im Mittelpunkt standen dabei nicht Grußworte und Rückblicke, sondern die Menschen, die Jugendherbergen seit Generationen prägen, sowie die Frage, welche Rolle diese Häuser künftig für die Gesellschaft spielen werden.

Die knapp zweistündige Veranstaltung war bewusst als Dialog angelegt. Junge Menschen, Lehrkräfte, Mitarbeitende, Ehrenamtliche sowie Vertreter*innen aus Politik und Zivilgesellschaft schilderten ihre Erfahrungen und Erwartungen an Orte, an denen Gemeinschaft, Bildung und demokratisches Miteinander täglich gelebt werden. Musik, Gespräche und interaktive Elemente ersetzten den klassischen Festakt und gestalteten den Abend lebendig.

„Nach 100 Jahren geht es für uns nicht vorrangig darum, Geschichte zu feiern”, kommentierte Klaus Umbach, Präsident des Jugendherbergswerks Bayern. „Entscheidend ist, dass wir auch künftig Räume schaffen, in denen junge Menschen Gemeinschaft erleben, Verantwortung übernehmen und Demokratie ganz selbstverständlich erfahren können.”

Die Jugendherberge Nürnberg – ein Flagschiff unter den 46 Häuser des Jugendherbergswerk Bayern.

Die Jugendherbergen selbst sind der Star

Was vor einem Jahrhundert als Unterkunft für wandernde Jugendliche begann, hat sich zu einem bayernweiten Netz außerschulischer Bildungs- und Begegnungsorte entwickelt. Heute nutzen Schulklassen, Familien, Jugendverbände, Vereine und internationale Gruppen die Jugendherbergen gleichermaßen. Moderne Bildungsprogramme, Umwelt- und Demokratiebildung sowie soziale Lernangebote gehören ebenso zum Selbstverständnis wie das gemeinschaftliche Zusammenleben und Gestalten in einer Gruppe auf Zeit.

Die Festveranstaltung griff genau diese Entwicklung auf. Lehrkräfte berichteten, wie Klassenfahrten den Zusammenhalt einer Lerngruppe nachhaltig stärken können. Pädagogische Mitarbeitende schilderten, wie junge Menschen in Jugendherbergen Selbstvertrauen gewinnen und soziale Kompetenzen entwickeln. Jugendliche formulierten ihre Erwartungen an Orte, an denen sie mitgestalten, ausprobieren und auch scheitern dürfen. Dabei wurde deutlich: Jugendherbergen verstehen sich heute nicht mehr nur als Gastgeber, sondern auch als Bildungs- und Erfahrungsorte, an denen gesellschaftlicher Zusammenhalt praktisch eingeübt wird.

Demokratie beginnt im Alltag

In vielen Beiträgen des Abends zog sich ein Gedanke wie ein roter Faden durch die Veranstaltung: Demokratie entsteht nicht erst in Parlamenten. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, unterschiedliche Meinungen aushalten und gemeinsam Lösungen finden.

Ulrike Scharf, Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, würdigte das sozial- und bildungspolitische Engagement der Jugendherbergen. Dieses stelle immer wieder auch eine Selbstvergewisserung für eine engagierte demokratische Zivilgesellschaft dar. Die Jugendherbergen in Bayern seien relevant – für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und für jeden jungen Menschen, der die lebensweltbezogenen Angebote des Jugendherbergswerks nutzt. „Herzlichen Glückwunsch zu 100 Jahren DJH Bayern – und außerdem zu starken Partnerschaften mit Politik, Verbänden und unzähligen Akteuren in der Gesellschaft!”

Jugendherbergen bieten seit Jahrzehnten einen einzigartigen Rahmen für das individuelle Wachsen junger Menschen und die Stärkung der Zivilgesellschaft – beim gemeinsamen Essen, bei Gruppenentscheidungen, in Seminaren, Projekten oder während einer Klassenfahrt. Hier begegnen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen und Lebensentwürfe. Respekt, Toleranz und gegenseitige Rücksichtnahme werden hier nicht theoretisch vermittelt, sondern im Alltag während eines Aufenthalts erlebt. In einer zunehmend digitalen und polarisierten Gesellschaft gewinnt diese Form unmittelbarer Begegnung wieder an Bedeutung, betont das Jugendherbergswerk.

Übernachten, tagen, Gemeinschaft erleben – dafür stehen die Jugendherbergen in Bayern.

100 Jahre als Aufbruch

Seit der Gründung des Landesverbandes im Jahr 1926 haben nach vorsichtigen Schätzungen etwa 120 Millionen Übernachtungen in bayerischen Jugendherbergen stattgefunden. Hinter dieser Zahl stehen Millionen persönlicher Geschichten von ersten Klassenfahrten, neuen Freundschaften, gemeinsamen Herausforderungen und Erfahrungen, die viele Menschen bis ins Erwachsenenalter begleiten. „Jugendherbergen gehören zu den wenigen Orten, an denen junge Menschen unterschiedlichster Herkunft mehrere Tage miteinander leben, lernen und Verantwortung übernehmen”, sagt Umbach. Und weiter: „Gerade deshalb sind sie heute aktueller denn je. Unsere Gesellschaft braucht solche Räume der Begegnung.“

Das DJH Bayern versteht das Jubiläum deshalb nicht als Abschluss eines erfolgreichen Jahrhunderts, sondern als Beginn des nächsten Kapitels seiner Verbandsgeschichte. Die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte – Demokratiebildung, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Nachhaltigkeit und Chancengerechtigkeit – sollen auch weiterhin gemeinsam mit jungen Menschen gestaltet werden.

Passend dazu endet die Festveranstaltung nicht mit einem Schlusswort, sondern mit einer Einladung an alle Gäste: Sie schreiben ihre Wünsche für die Zukunft der Jugendherbergen in Bayern auf Postkarten. Denn das Jubiläumsmotto beschreibt zugleich den Anspruch für die kommenden Jahrzehnte: „Türen offen. Herzen auch.“

Über den Landesverband Bayern im Deutschen Jugendherbergswerk (DJH)

Der Landesverband Bayern im DJH ist ein gemeinnütziger Verein, der derzeit 46 Jugendherbergen betreibt (34 Häuser in Eigenregie, 12 Häuser durch Partner, z. B. Kommunen oder Verbände) und unmittelbar gemeinwohlorientierte Aufgaben verfolgt. Seit der Gründung des DJH steht ein wesentlicher Gedanke im Vordergrund: Junge Menschen sollen unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem sozioökonomischen Status die Welt entdecken, Gemeinschaft erleben und ihren Horizont erweitern. Die Jugendherbergen sind ein vielseitiger Lern- und Erlebnisort mit abwechslungsreichen und lebensweltorientierten Programmangeboten für Schulklassen, Gruppen und Familien in den Bereichen Soziales Lernen, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Kultur und Sport. Im Jugendherbergswerk sind ca. 2,4 Millionen Menschen organisiert.

Quelle: DJH Landesverband Bayern